Zu Weihnachten eine Karte. Du offenbarst damit - oder scheint es nur so - dass du an mich denkst. Was denkst du, wenn du an mich denkst. Warum fährst du nach Frankreich, warum kommst du nicht mit zu den Verwandten, nur die wenigen Tage. Hat dein Hund ein Winterfell, wird er nicht frieren? Du fährst im Winter nach Frankreich und Mutter im Sommer nach Italien. Was liegt zwischen euch, seit wann und warum liegt es brach und zuckt nur leicht, wenn ihr daran denkt. Nun wird Mutter jünger mit den Jahren. Sie nähert sich an mich an. Das ist nicht nur angenehm. Wenn sie Kleider trägt, die ich trage, wenn sie mich unterstützt in meinen Ideen. Wenn sie mich immer und immer versteht. Vater besucht dich, wenn du krank bist, weil sie es so will. Und sie es nicht tun will.
Bald sitzt die Familie zu Weihnachten im Kreis. Tante hat Cornflakeshaufen in flüssiger Kochschokolade ertränkt, ich esse am Weihnachtstag zuviel davon, sie gibt mir trotzdem viele davon mit auf den Weg, in einem durchsichtigen Plastiksäcklein, bedruckt mit Silhouetten von Silbersternen. Und für dich ein Säcklein mit Anisguetzli. Die ich dir schicke. Jedes Jahr. Dich nie frage, ob du dich freust, ob du sie isst, ob dein Hund sie isst, ob du sie wegwirfst. Damit du nicht an die Familie denken musst. Bald sitzen wir im Kreis. Onkel spricht über seine Töchter und dass diese in seiner Firma mit Fachwissen und Charme brillieren. Wie sie arbeiten, wie gut. Er fragt mich, wo ich arbeite, so laut, dass Mutter und Vater es hören. Wenn ich antworte, wozu ich mich gezwungen fühle, und ganz egal, was ich antworte, dann zieht er die rechte Augenbraue hoch und erzählt von seinen Töchtern. Er fragt auch nach dir. Wenn ich erzähle, was ich von dir weiss, wozu ich mich ebenfalls gezwungen fühle, dann rückt er weg von mir, so, dass ich es merken muss. Und schweigt. Jedes Jahr erzähle ich, drehe die Sätze vom Vorjahr, erzähle das, was ich immer sagte und glaube, dich damit zu beschützen. Ich weiss nicht. Wir sitzen dann im Kreis. die Töchter meines Onkels spielen Instrumente, präzise, Grossmutter singt und fixiert die Kugeln, die am Baum hängen. Letztes Jahr haben wir ihr ein Generalabonnement geschenkt und sie sagte mir unter vier Augen - sie werde dich besuchen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich werde sie fragen, ob sie dies tat dieses Jahr. Du hast mir 300 Franken geschickt, für das Generalabonnement für Grossmutter. Ich glaube nicht, dass du sie sehen wolltest. Du hast soviel Geld geschickt. Damit sollte es wohl gut sein. Dass sie dich besuchen würde, dass hast du bestimmt nicht gewollt. Im Kreis der Familie. Alle haben wir dunkelbraune Augen, die im Schein der Kerzen besonders schön anzusehen sind. Du hast dieselben dunkelbraunen Augen wie ich. Wenn ich an diese denke, wenn wir sitzen, im Kreis, dann steht der Tannenbaum in Flammen. Die Hitze versengt die Geschenkbänder, die um farbiges Papier gewickelt sind, mit der Schere zu Löcklein deformiert wurden und nun unter den Ästen des toten Baumes liegen. Zu Weihnachten eine Karte. Du offenbarst, dass du an mich denkst, an uns denkst. und es ist an mir, ihnen zu erklären, warum mein Bruder zu Weihnachten nicht bei uns ist.